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Lion Feuchtwanger: Jud Süß

Lion Feuchtwanger: Jud Süß
Lion Feuchtwanger: Jud Süß

Kein typisch jüdisches Leben - Literatur im Gespräch

Der nächste Literaturgesprächskreis findet am Donnerstag, den 28. November ab 20.00 Uhr in den Räumen der Bücherei Niederbrechen statt. Im Mittelpunkt des Abends steht Lion Feuchtwangers biographischer Roman: „Jud Süß.“ 

Der Roman spielt im Württemberg des 18. Jahrhunderts. Joseph Süß Oppenheimer, ein Jude aus einer Kaufmannsfamilie, steigt zum mächtigen Finanzrat am Hof des frisch gekürten katholischen Herzogs Karl Alexander auf und wird vom Volk bewundert, gefürchtet und zugleich verachtet. 

Während er einerseits die Intrigen und Ausschweifungen des despotischen Herrschers mitträgt und fördert, setzt er andererseits alles daran, seine eigene Tochter Naemivom Treiben am Stuttgarter Hof fernzuhalten. Er hat sie deshalb von Geburt an bei Rabbi Gabriel, seinem Onkel, in einer entlegenen Klause untergebracht. Eines Tages jedoch führt Prälat Weißensee, dessen Tochter Magdalen Sibylle durch Oppenheimers Vermittlung Karls Mätresse geworden ist, aus Rache gegen Süß den Herzog auf die Spur des Mädchens. Naemi entzieht sich dessen lüsternen Nachstellungen und stürzt sich vom Dach der Klause. 

Süß ist ein gebrochener Mann und ändert sein Leben mit einem Schlag: Äußerlich die Tragödie mit Gelassenheit tragend, reicht er dem von Schuldgefühlen geplagten Herzog scheinbar die Hand zur Versöhnung, arbeitet jedoch heimlich an seinem Untergang. Er verrät die seit längerem bestehenden Staatsstreichpläne an Parlament und Landstände: Der katholische Herzog hatte mit Unterstützung des Würzburger Fürstbischofs den schon lange schwelenden Konflikt zwischen Landständen und Herzog ausnutzen und eine katholische Militärautokratie errichten wollen. Bevor es zu seiner Verhaftung kommt, trifft Karl Alexander der Schlag. 

Oppenheimer besinnt sich auf das geistige Erbe seiner rabbinischen Vorfahren und bietet sich selber als Sündenbock an: Er wird für sämtliche Machenschaften haftbar gemacht und vor Gericht gestellt. Er nimmt nach dem Verlust seines Schutzherrn in Kauf, dass sich der Volkszorn nun gegen ihn selbst richtet, und rechnet mit seiner Hinrichtung. Sein Leben durch ein Bekenntnis zum christlichen Glauben zu retten, lehnt er ab. Nahezu lustvoll genießt er das „willenlose Vergleiten“. Nach der Unterzeichnung des Todesurteils meint der neue Regent Karl Rudolf: „Das ist ein seltenes Ereignis, dass ein Jud für Christenschelmen die Zeche zahlt“.

Feuchtwanger zeichnet ein facettenreiches, teilweiseklischeebehaftetes Bild des deutschen Judentums zur Zeit der Aufklärung. Die jüdischen Romanfiguren stehen im Spannungsfeld zwischen Armut und wirtschaftlichem Aufstieg, zwischen kollektiver Ohnmacht und individueller wirtschaftlicher Macht, zwischen der bewussten Abgrenzung gegenüber den Gojim und der Assimilation bis hin zur Annahme der christlichen Religion. Der zu Geld und Macht gelangte Süß strebt danach, von den Christen als ebenbürtig anerkannt zu werden, will im Gegensatz zu seinem Bruder, dem Baron Tauffenberger, den jüdischen Glauben jedoch nicht ablegen. Der ebenfalls reiche und einflussreiche kurpfälzische Hoffaktor Landauer unterstreicht geradezu provokativ seine jüdische Identität durch Kleidung und Auftreten. Er strebt nach Macht, nicht nach ihren äußeren Zeichen und der Anerkennung durch die christliche Gesellschaft. Rabbi Gabriel, Onkel des Süß, wählt sogar den Weg der radikalen Weltabkehr.

 

 

Die Teilnehmer des Literaturgesprächskreises treffen sich ca. alle sechs bis sieben Wochen, um sich über das gelesene Werk auszutauschen, die Vorschläge stammen aus dem Kreis der Teilnehmer. Jeder, der für Literatur aufgeschlossen ist, ist als Bereicherung stets willkommen.

Von Jürgen Schühler