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Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul

Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul
Elif Shafak: Der Bastard von Istanbul

Der nächste Literaturgesprächskreis findet am Donnerstag, den 18. Oktober ab 20.00 Uhr in den Räumen der Bücherei Niederbrechen statt. Im Mittelpunkt des Abends steht Elif ShafaksFamilienroman: „Der Bastard von Istambul“.

Eine türkische Familie in Istanbul und eine armenische in den USA, die eigentlich nichts verbindet. Bis eines Tages die armenische Tochter einen Beschluss fasst: Armanoush ist neunzehn, ihr Vater ist Armenier, ihre Mutter Amerikanerin, die in zweiter Ehe mit dem Türken Mustafa verheiratet ist. Abwechselnd lebt sie bei dem Vater und seiner armenischen Großfamilie in San Francisco und der Mutter in Tucson, Arizona. So unterschiedlich beide sind, eines haben sie gemeinsam: Sie lassen ihre Kinder kaum aus den Augen. Eines Tages beschließt Armanoush, auszubrechen und die Familie ihres Stiefvaters in Istanbul zu besuchen. Der Mutter erzählt sie, sie sei bei Papa und seiner Großfamilie, denen wiederum erzählt sie, sie sei in Arizona bei ihrer Mutter.

Voller Sorge kommt sie in Istanbul an. Für sie ist es die Stadt, in der ihre Vorfahren ermordet worden sind, die Türken werden sicherlich feindselig reagieren, wenn sie erfahren, dass sie Armenierin ist? Doch die Familie empfängt sie herzlich und das ändert sich auch nicht, als Armanoush ihre Herkunft verrät. Stattdessen reagieren sie erstaunt, denn von dieserGeschichte wissen sie so gut wie nichts. Armanoush trifft in Istanbul auf ein Haus voller Frauen. Der Familie Kazanci sind immer die Männer abhanden gekommen, entweder starben sie früh, oder sie flohen, wie Armanoushs Stiefvater, der zum Studieren in die USA flog und nie mehr zurückkam. So leben vier Generationen Frauen unter einem Dach. Urgroßmutter "Petit Ma", die einmal Rachmaninov spielen konnte und jetzt wegen Alzheimer nicht einmal mehr Kinderlieder klimpern kann. Großmutter Gülsüm, die in einem früheren Leben Iwan der Schreckliche war, hart und verbittert durch die Ehe mit einem prügelnden, lieblosen Mann. Die vier Schwestern Banu, Feride, Cevriye und Zeliha mit den kurzen Röcken und hohen Absätzen. Diese hat ein uneheliches Kind, Aysa, den Bastard von Istanbul. Ihre Schwester Banu kann in die Zukunft sehen und legt erfolgreich Karten. Dazu hat sie zwei Djinn, einen guten, Frau Süß und einen bösen, Herrn Bitter. Letzterer ist wichtiger, denn er kann ihr die Vergangenheit zeigen. Und weiß, wie schmerzlich Erinnerung sein kann. Das ist seine Rache an seiner Herrin: Er erzählt, was wirklich geschehen ist.

Immer tiefer dringt das Buch in die Geschichte der Personen ein, greift zurück in die osmanischen Zeiten, als Griechen, Armenier und Türken zwar nicht immer friedlich, aber immerhin zusammen lebten. Dann die Ereignisse von 1915, als der Urgroßvater von Armanoush mit einigen hundert armenischen Intellektuellen abgeholt und in ein Todeslager gebracht wird. Und bald zeigt sich, wie die gleiche Vergangenheit beide Familien geprägt hat, wie zufällige Ereignisse und die große Geschichte die kleinen Lebensläufe prägt. 

Shafak verwebt diese Lebensläufe, zeigt, wie die Geschichte ihre Fangarme in die heutige Zeit ausstreckt und wie die Personen wurden, was sie nun sind. Bruchstück um Bruchstück taucht die Vergangenheit auf und obwohl der Leser bald ahnt, wer der Vater des Bastards ist, gelingt ihr zum Schluss eine überraschende Wendung.

Weil es um Armenier und Geschichte ging, wurde das Buch von türkischen Nationalisten vor Gericht gebracht. Das erste Gericht weigerte sich, die Klage zu verhandeln, das zweite sprach die Autorin frei. Das Buch wurde in der Türkei ein Bestseller, offensichtlich können Militär und Nationalisten das Thema nicht mehr länger unter den Teppich kehren – ein Roman als Politikum. 

Elif Şafak, englisch Elif Shafak (* 25. Oktober 1971 in StraßburgFrankreich), geboren als Elif Bilgin, ist eine türkische Schriftstellerin, die in türkischer und englischer Sprache schreibt. Sie gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei sowie zu den türkischen Schriftstellern mit hohem Bekanntheitsgrad im Ausland. 

Das Pseudonym Şafak (türkisch „Morgenröte“) ist der Vorname ihrer Mutter, mit der sie als Kind unter anderem in Ankara lebte und die sie als abla (große Schwester) ansprach. „Die Verbindung zu meinem Vater war sehr brüchig.  Ich war der dunkle Fleck in seinem Leben., so die Autorin.

Die Teilnehmer des Literaturgesprächskreises treffen sich ca. alle sechs bis sieben Wochen, um sich über das gelesene Werk auszutauschen, die Vorschläge stammen aus dem Kreis der Teilnehmer. Jeder, der für Literatur aufgeschlossen ist, ist als Bereicherung stets willkommen. 

 

Von Jürgen Schühler